Desinfektionszentrale

Mit dem Aufschwung der wissenschaftlichen Hygiene und Bakteriologie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, begannen verstärkt Bemühungen , die als Krankheitserreger entdeckten und später auch exakt nachgewiesenen Mikroorganismen mittels geeigneter Desinfektionsmaßnahmen zu bekämpfen. 1847 wurde erstmals das antiseptische Verfahren der Reinigung der Hände mit Chlorkalk von Ignaz Phillip Semmelweis (1818 - 1865) in die Geburtshilfe eingeführt. Joseph Lister (1827-1912) beschäftigte sich Ende der sechziger Jahre mit der Desinfektions-wirkung von Chlorzink, Sulfid, Phenol und Karbolsäure und führte die Antisepsis in die Wundchirurgie ein. 1867 publizierte er erstmals ein Verfahren, wonach Desinfektionsmittel im Operationssaal zerstäubt wurden.

In den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts propagierte Paul Fürbringer (1848-1930) die Desinfektion der Hände mit Seife und Alkohol.

1897 wurde durch Schloßmann und von Walther das tiefenwirksame Desinfektionsmittel Glykoformal am organisch-chemischen Laboratorium der Technischen Hochschule Dresden entwickelt. Dieses Desinfektionsmittel kam in dem ebenfalls 1897 hergestellten Lingnerschen - Desinfektionsapparat zum Einsatz. Lingner lag mit dieser Entwicklung voll im "Trend der Zeit".

Die Anregung zur Entwicklung des Desinfektionsapparates erhielt Lingner möglicherweise durch seinen Freund Seifert, welcher als ehemaliger Mitarbeiter am chemischen Institut der Technischen Hochschule die notwendigen Kontakte zu Schloßmann und von Walther vermitteln konnte. Der Apparat bestand aus einem ringförmigen Dampfentwickler und einem ringförmigen Brenner und einem vom Entwickler und Brenner umgebenen Behälter für die Formaldehydlösung. Dieser, zur Wohnraumdesinfektion eingesetzte Apparat, wurde anfangs in einer eigenen Produktions - abteilung der Lingner - Werke hergestellt. 1908 wurde diese Abteilung in die Deutsche Desinfektions - Centrale GmbH Berlin - Weißensee, Lehderstrasse 74/79, überführt. Aus dieser Gesellschaft gingen später die Deutsche Desinfektions AG Berlin - Weißensee und die Österreichische Desinfektionszentrale Bodenbach hervor. Lingner fungierte in beiden Gesellschaften als Aufsichtsratsvorsitzender.

Um 1920 lassen sich in 7 Medizinalbezirken Sachsens 145 Lingnersche Desinfektionsapparate im öffentlichen Einsatz nachweisen.

1901 unterbreitete Lingner den Rat zu Dresden einen "Vorschlag zur Errichtung einer Desinfektions - Anstalt in Dresden". Er begründete die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung mit der ungenügenden Vorbereitung der Stadt Dresden zur Bekämpfung einer möglichen Epidemie. Andererseits wies der Kaufmann Lingner auf die Kosten - Nutzen Relation einer Desinfektionsanstalt hin und legte dem Rat einen kompletten Finanzplan vor.

Möglicherweise wurde Lingner durch Seifert an die Problematik der Hygiene und des Desinfektionswesens herangeführt. Als 1892 eine schwere Choleraepidemie Hamburg heimsuchte, entwickelte Seifert das Tribromphenolwismut, um die Seuche zu bekämpfen.

In seinem Vorschlag geht Lingner in seiner Argumentation auf Hamburg ein. Er schreibt: "Die Dringlichkeit [zur Errichtung einer Desinfektionsanstalt in Dresden, d.Verf.] würde aber erst dann klar bewiesen werden können, wenn die Stadt etwa von einer grossen Epidemie heimgesucht würde. Infolge eines solchen Ereignisses ist die Desinfektionsanstalt in Hamburg entstanden, nachdem sich klar herausgestellt hatte, dass die Abwesenheit geeigneter Desinfections - Einrichtungen Hunderten und Tausenden von Hamburger steuerzahlenden Bürgern das Leben gekostet hatte. Heute besitzt Hamburg das vielleicht besteingerichtete städtische Desinfektionswesen Deutschlands".

Lingner erklärte sich bereit, die Kosten für den Aufbau und die Ausstattung einer Desinfektionszentrale zu übernehmen, da der "baldigen Einführung dieser höchst nothwendigen Anstalten der etwas umständliche städtische Budget - Apparat und eine gewisse Abneigung der Vertreter der Stadt, Gelder für Neuerungen zu bewilligen" im Wege stehe. Bereits in diesem Vorschlag orientierte Lingner schon auf eine spätere Übernahme der Einrichtung durch die Stadt Dresden, um somit den Fortbestand der Anstalt zu sichern.

Der detailierten Planung der Dresdner Desinfektions - Anstalt und ihrer Einrichtung ging eine genaue Untersuchung schon bestehender Anstalten in Berlin, Hamburg, Breslau, Köln und Frankfurt a. M. voraus, wofür Lingner einen seiner Mitarbeiter beauftragte. Die dabei festgestellten Mängel, aber auch die jeweiligen Vorzüge ermöglichten Lingner, die Konzeption für ein mustergültiges Institut vorzulegen. So bedachte er u.a. die Notwendigkeit, "für die Insassen der zu desinfizierenden Wohnungen" Unterbringungsmöglichkeiten durch die Anstalt bereitzustellen, was zur damaligen Zeit einmalig war. Sein Vorschlag umfaßte auch die Ausbildung der Desinfektoren der Anstalt sowie der aus anderen Städten Sachsens. Als eine wichtige Neuerung plante Lingner "eine zielbewusste hygienische Erziehung der ganzen Bevölkerung mit allen möglichen Mitteln" durch die Desinfektionsanstalt, wobei er für die Zukunft an eine große städtische Desinfektions - Anstalt "womöglich mit einem hygienischen Institut" dachte.

Insbesondere mit der 1903 von Lingner durchgeführten Sonderausstellung "Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung", die 1903 im Rahmen der Deutschen Städteausstellung in Dresden gezeigt wurde, begann er, diese Zielstellung umzusetzen. Neben der Präsentation einer Musterdesinfektionsanlage klärte er mittels Schautafeln, Modellen, Moulagen u.a. die Bevölkerung über Erkrankungsursachen und deren Bekämpfung auf. Im Rahmen der Ausstellung entwickelte Lingner auch erstmals Gedanken zum Aufbau eines " hygienischen Stadtmuseums ". Im Juli 1901 eröffnete Lingner im Einvernehmen mit dem Rat der Stadt Dresden die "Öffentliche Zentralstelle für Desinfektion". Dazu erwarb er von dem Kaufmann G. A. Leiste das Grundstück Fabrikstraße Nr.6. Lingner soll etwa 500 000 Mark aufgewendet und den Betrieb der Einrichtung"durch namhafte Zuschüsse" unterstützt haben. Eine ausführliche Beschreibung der Einrichtung, welche mustergültig für Deutschland und das Ausland werden sollte, gibt Dr .Neumeister, damaliger Stadtarzt von Dresden. Die Anstalt "besteht aus dem Verwaltungsgebäude, der Desinfektionsanlage, zwei Wagen- und verschiedenen Materialschuppen. Die Desinfektionsanlage ist streng in reine und unreine Seite geschieden. Auf der unreinen Seite finden sich Kessel- und Maschinenhaus nebst Verbrennungsofen für minderwertige Objekte und Räume zur Aufnahme der verseuchten Gegenstände. Die Desinfektionsapparate sind in die Trennungsmauer der unreinen und reinen Seite eingelassen und zwar zwei Dampfdesinfektionsapparate für Kleidungsstücke, eine Dampfwaschmaschine für Wäsche, ein Desinfektionsraum für Pelze, Felle usw., die hier einem Formaldehyd-Wasserdampfstrom mittels Düsensystems bei 55 °C ausgesetzt werden. Nach der reinen Seite gelangt man durch die Baderäume für die Angestellten der Zentrale. Neues bietet die reine Seite in ihrem Trockenwerk. Dies ist ein Paternosterwerk mit 12 großen freischwingenden Horden. Es befindet sich in einem in zwei Schächten geteilten Turm und wird durch Transmission von der Maschine aus angetrieben. Eine Horde gelangt nach Passierung beider Schächte in 40 Minuten wieder an ihren Ausgangspunkt. Im Schachtboden mündet ein Kanal, welcher die Frischluft zuführt. Die stark strömende Luft wird sogleich durch ein Heizrohrsystem vorgewärmt und bestreicht dann im Turm die Horden, welche mit dem noch sehr heiß und feucht dem Apparat entnommenen, desinfizierten Gegenständen zu ihrer Trocknung und Lüftung beladen sind."

Zu den Aufgaben der Desinfektionszentrale gehörten auch die Desinfektion von Wohnräumen, Kleidern, Fellen sowie Wäsche und Gebrauchsgegenständen. Die Aufträge dazu erteilte der Rat zu Dresden, welcher für die öffentliche Gesundheitspflege verantwortlich war, sowie Privatpersonen. Während des ersten Weltkrieges erweiterte sich das Aufgabenspektrum um die Desinfektion von Lazaretten, Eisenbahnwagen und die Vertilgung von Ungeziefer.

Im Januar 1902 gründete Lingner in der Desinfektionszentrale eine der ersten deutschen Desinfektorenschulen. Als Leiter der Einrichtung fungiert Dr. Greimer, der wissenschaftliche Direktor der Lingner Werke. Zu den ersten Lehrern für Theorie gehörte Schloßmann, der die Schüler über das Wesen der ansteckenden Krankheiten, ihre Entstehung und Weiterverbreitung belehrte. Der erste Ausbildungskurs begann am 13. Januar 1902 mit 35 Teilnehmern aus 29 Gemeinden. Zu Lingners Lebzeiten wurden etwa 500 Desinfektoren kostenlos ausgebildet.

Neben einem Lehrsaal und Konferenzzimmer stand ein Schulmuseum für die Ausbildung zur Verfügung. Zur Lehrmittelsammlung, welche später aus den Beständen des zukünftigen National Hygiene - Museums ergänzt wurde, gehörten 25 Wandbilder, 30 statistische Tafeln, sowie 40 naturgetreue Moulagen und anatomische Päparate. Außerdem standen 4 Mikroskope sowie 2 Stereomikroskope für den Unterricht bereit. Ein "Handbuch des praktischen Desinfektors" von Dr. Greimer und das von Lingner begründetes Fachblatt "Der praktische Desinfektor" unterstützten die Ausbildung.

Aufgrund der zunehmenden öffentlichen Bedeutung des Desinfektionswesens und dem dadurch anzustrebenden behördlichen Charakters der Einrichtung beantragte Lingner im Frühjahr 1906, entsprechend einer Anregung der Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege (deren Leiter, Prof. Renk, ein Freund und Mitstreiter Lingners und Schloßmanns war), beim Königlich Sächsischen Ministerium des Innern die Übernahme der Einrichtung in öffentliche Verwaltung. Am 12. September 1906 wurde die Anstalt unter dem Namen "Landesdesinfektorenschule für das Königreich Sachsen" dem Ministerium des Innern unterstellt und am 8. Februar ihrer Bestimmung übergeben. Die fachliche Aufsicht übernahm die von Renk begründete und geleitete Bakteriologische Abteilung der Landesstelle für öffentliche Gesundheitspflege.

Allein im Jahr 1906 verbrauchte die Einrichtung über 7500 kg Desinfektionsmittel (davon 2583 kg Glykoformal) für etwa 1330 Wohnraumdesinfektionen. Bei der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten standen Tuberkulose, Diphtherie, Thyphus sowie Scharlach im Vordergrund.

1952 zogen die Desinfektionszentrale und die Landesdesinfektorenschule in die Altonaer Str. 15 um, in der sich bis in die jüngste Vergangenheit die Abteilung für Kommunalhygiene der Stadtwirtschaft Dresden befand. Als Nachfolger der ehemaligen Desinfektionszentrale arbeitet heute die Dresden Schädlingsbekämpfung und Kommunalhygiene GmbH.

Nach 63-jähriger Tätigkeit schloß die Desinfektorenschule am 26. Februar 1965 ihre Pforten. Seitdem befindet sich die einzige Ausbildungsstätte für Desinfektoren Sachsens in Leipzig.



Zentralstelle für Desinfektion